Der Anti-Humanist

Vortragsveranstaltung zum 100. Geburtstag von Kurt Leonhard

Von Martin Mezger

Esslingen - Es ist eine merkwürdige Form der Ehrung, diese unter Berufung auf den Geehrten für gegenstandslos zu erklären. Und doch ist eine solche Paradoxie im Fall Kurt Leonhards einzig angemessen. Denn sein Ideal war es, „das Ich namenlos werden und im Namenlosen aufgehen zu lassen“, zitierte ihn die Münchner Romanistik-Professorin Barbara Vinken - mit dem triftigen Fazit: Kurt Leonhard wäre es egal, ob und wo er geehrt wird. Dass er gleichwohl im Esslinger Alten Rathaus mit vier Vorträgen renommierter Wissenschaftler geehrt wurde, zollte dem vor 100 Jahren geborenen, 2005 gestorbenen Kunstwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer immerhin kraft intellektueller Brillanz Tribut.

Mit ihrem exzellenten Beitrag hat Vinken den aus Berlin stammenden, nach dem Krieg zum Wahl- oder Zufalls-Esslinger gewordenen frankophilen Denker dort eingeordnet, wo er hingehört: in der vor allem in Frankreich prägenden Denkbewegung der Entsubjektivierung, also der Kritik des seit der Aufklärung verbindlichen Begriffs des selbstbestimmt-souveränen Subjekts.

Tatsächlich gehörte Leonhard in der Nachkriegszeit auch zu den wichtigsten Vermittlern französischer Literatur und Theoriebildung. Der Esslinger Verleger Otto Wolfgang Bechtle machte ihn zum Lektor seines hochkarätigen Literaturprogramms, so dass Leonhard in enger Zusammenarbeit mit Bechtle nicht nur Dichter wie Helmut Heißenbüttel oder Peter Härtling entdecken konnte, sondern auch den Freiraum für Übersetzungen französischer Autoren wie Henri Michaux, Emil Cioran oder Paul Valéry fand.

„Vorahmung“ statt Nachahmung

Leonhards Affinität zum französischen Denken spiegelt für Vinken eine spezifische Geisteshaltung: den Platonismus eines Anti-Humanisten in dem Sinne, dass für Leonhard der Mensch nicht das Maß aller Dinge war. Die gegenständliche und humane Welt war für ihn wie für Platon nur Abbild, eine Verzerrung der Wahrheit. Nicht das Abbild des Abbilds, also die nachahmende, gegenständliche Kunst, sondern die „Vorahmung“ in der „konkreten“, der sogenannten abstrakten Kunst führte für ihn vom Chaos des Sichtbaren zum Kosmos der Wahrheit. Bedingung solcher Schau ist das „Ergriffen- und Erfasstwerden“ durch ein „Heiliges“. So erklärt sich der Titel von Leonhards Buch „Die heilige Fläche“: heilig an ihr ist zunächst die mystische Leere, die „Entleerung vom Chaos“, die sich in der „Entäußerung des Subjekts“ vollzieht. Keine Pointe kokettierender Bescheidenheit ist also die Rede vom namenlos zu werdenden Ich, sondern ein Kunst- und Lebens­programm. Im Akkord von Platonismus und Mystik, so Vinkens These, vollzieht sich bei Leonhard die Abkehr vom Menschenmaß einer in der Zentralperspektive gründenden Ästhetik, von der Hybris einer die eigene Vernunft verabsolutierenden Subjektphilosophie.

Auf der Spur des Logos

Existenzialistischer, nämlich als „Einübung menschlichen Seinkönnens“, deutete der lutherische ­Theologe Joachim Ringleben jene ekstatische Öffnung des Subjekts. An Beispielen aus der Lyrik Leonhards wies Ringleben nach, wie der erklärte Agnostiker die Spur des göttlichen Logos - der Sinnhaftigkeit des platonischen Kosmos - im Werden der Sprache gewahrt. Nicht weniger als die Kunst sieht sich die Lyrik der heilig-leeren Fläche konfrontiert, die sie im Nachbuchstabieren der (Sprach-)Schöpfung mit deren göttlichem Geheimnis füllt.

Detailreich zeigte der Autor, Übersetzer und Schauspieler Hanns Zischler, wie Leonhard in der gemeinsamen Übersetzerarbeit dem korrigierenden Paul Celan oftmals das letzte Wort beließ - selbstlos wie immer und der Einsicht verpflichtet, dass der Lyrik-Übersetzer bisweilen den Klang vor den Sinn stellen muss, wenn er „nicht fälschen will“. Zuvor hatte der Kunstgeschichtler Beat Wyss das Leonhardsche Kunstverständnis auf dessen gesellschaftliche Implika­tionen überprüft. Für Wyss äußert sich darin eine „Selbstkritik der Moderne“ als Abkehr von einem Nietzscheanischen Willen zur Kunst-Macht. Anders als die klassische Moderne propagiere Leonhard keine Kunst als „Lehrmeister der Gesellschaft“, sondern plädiere für „Überzeugungsarbeit im Zaudergang der Meinungsbildung“. Kurzum: für Demokratisierung der Wahrnehmung.

Artikel vom 08.02.2010 © Eßlinger Zeitung

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