Gier und Gebote
Schauspielintendant Weber spricht mit Oettinger und Leibinger
Stuttgart - Die Stuttgarter Stube sieht gemütlich zusammengewürfelt aus. Bodenständig schwäbisch halt, mit eigenem Charakter. Alte Stiche hängen an der Wand, deren Tapete die Wohnkultur der 70er-Jahre beschwört. Die Ledergarnitur auf dem Orientteppich dürfte älter sein, die Stehlampe mit Troddeln auch. Auf dem Glastisch stehen Salzstängel. Im Römerglas funkelt ein Pomerol. Rotwein haben sich die Herren gewünscht, die im Foyer des Stuttgarter Schauspielhauses den Reigen der neuen, monatlichen Reihe „Stuttgarter Gespräche“ eröffnen. Ministerpräsident Günther Oettinger und Berthold Leibinger, Aufsichtsratsvorsitzender der Ditzinger Hochtechnologiefirma Trumpf, haben sich zu Intendant Hasko Weber auf die Wohnzimmercouch gesetzt, um öffentlich über „Verantwortung und Gier - Ethik in der Wirtschaft“ nachzudenken.
Nette Plauderstunde
Die intime Atmosphäre ist weit entfernt von sterilen Diskussionen. Begleitet von „Wild Boys“ knackigen 80er-Jahre-Beats der Britpopband Duran Duran wird die Gesprächsrunde eröffnet, eine nette Plauderstunde, wenn auch ohne tiefere Erkenntnis für die Zuhörer. Für den Noch-Ministerpräsidenten auf dem Sprung nach Brüssel sind die ethischen Grundsätze der Verfassung oberstes Gebot: Rechtsstaat, Menschenwürde, liberales Gedankengut und ein Leistungsprinzip in „sozial gemeintem Sinne“. Die Wurzeln der eigenen ethischen Grundauffassung liegen für ihn im Mannschaftssport und im altliberalen Elternhaus. Berthold Leibinger, der heute seinen 79. Geburtstag feiert, fand die Anregungen für ethische Normen in einem pietistischen Elternhaus mit starker ästhetischer Prägung. Die Eltern waren Kunsthändler für Ost-Asiatika und „unnötig für diese Welt, die kantige Soldaten wollte“.
Ob die aktuelle Gierdebatte angemessen sei, will Weber wissen. Oettinger hält das Sozialisieren von Verlusten für untragbar und fordert eine verstärkte Kontrolldichte bei Vorstandsgehälter, Aktienoptionen und Bonizahlungen. Die soziale Marktwirtschaft rette ein klares Regelwerk in Betrieben und in den G-20-Nationen. Dies sei jedoch nicht allein eine Wirtschafts-, sondern auch eine Kulturdebatte.
Durch zusätzliche Regeln wird das Problem in den Augen Leibingers nicht gelöst: „Gewissen und Anstand kann man nicht durch staatliche Regeln ersetzen.“ Letztlich seien es die zehn Gebote, die das Gemeinwesen im Innersten zusammenhalten. Leibinger führt als Unternehmerethos die Vorbildfunktion und Offenheit an. Jeden Mitarbeiter müsse man spüren lassen: „Er ist uns wichtig“. Nur mit motivierten Menschen könne man etwas erreichen. Und Geld verdient werde eben auch durch einen anständigen Umgang mit Kunden und Lieferanten.
„Halbwegs lebenstüchtig“
Oettinger, der trotz Brüssel auch künftig seinen Lebensmittelpunkt in Stuttgart behalten möchte und sich für „halbwegs lebenstüchtig“ hält, richtet einen getrübten Blick in die Zukunft. Ein schrumpfender Landeshaushalt von mindestens acht Prozent und 1,7 Milliarden Steuereinnahmen weniger im kommenden Jahr als im vergangenen, würden den Lebensstandard jedes Einzelnen bedrohen. Fahrzeugbau und Maschinenindustrie, die Wohlstand im Ländle geschaffen haben, werden durch veränderte Technologien gefährdet, so seine düstere Prognose, die Leibinger allerdings nicht teilen kann. Hiesige Zuliefererfirmen werden sich mit veränderten Produkten behaupten, glaubt er.
Für den sozial engagierten Unternehmer gilt ist es vor allem, die Probleme der zweiten und dritte Migrationsgeneration zu lösen, und zwar durch Bildung, die künftig eine dominierende Rolle spiele. Deutschland sieht er auch 2010 auf einer guten Position in der Weltökonomie. Der Vorsprung gegenüber Ländern die nach vorne drängen, werde zwar geringer; doch „der Teufel soll uns holen, wenn wir mit den jungen Leuten nichts zustande bringen.“


