Ein Schmuckstück atmet Geschichte

ESSLINGEN: Der Konstanzer Pfleghof beherbergt heute eine Patentanwalts-Kanzlei und ein Antiquitätengeschäft

 


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Von Alexander Maier

Wer sich auf eine Entdeckungstour durch die Esslinger Altstadt begibt, kommt früher oder später durch die Webergasse, die 1276 erstmals erwähnt wurde und die sich heute reizvoller denn je präsentiert. Auf den ersten Metern vom Rathausplatz kommend zieht das Haus Nummer 3 die Blicke des Betrachters an. Der einstige Konstanzer Pfleghof zählt mit seiner aufwendig gestalteten Fassade zu den malerischsten Gebäuden in der Stadt. Das Ensemble, das seinen Charakter im Lauf der Jahrhunderte immer verändert hat, ist für die Händlergemeinschaft Webergasse „das beste Beispiel dafür, dass nur ein bewohntes Gebäude lebendig bleibt und seine Bausubstanz erhalten kann“.Ein Messingschild verrät, was sich hinter der malerischen Fassade des an die Webergasse grenzenden Vorderbaus verbirgt: Dort hat die Kanzlei Rüger - Barthelt - Abel Patent- und Rechtsanwälte ihren Sitz. In der Sozietät, die internationale Konzerne und mittelständische Unternehmen bei der Erlangung, Verteidigung und Durchsetzung von gewerblichen Schutzrechten unterstützt, arbeiten 25 Personen, darunter sechs Patentanwälte und ein Rechtsanwalt. Die Kanzlei, die 1948 gegründet wurde, hatte ihren Sitz zunächst in der Fabrikstraße, später in der Villa Merkel. Als die Villa Anfang der 70er-Jahre zur städtischen Galerie wurde, stand der Konstanzer Pfleghof in der Webergasse 3 zum Verkauf - und der promovierte Patentanwalt Rudolf Rüger griff sofort zu und erwarb das traditionsreiche Gebäudeensemble.

Tradition und Moderne Hand in Hand

„Ehe wir einziehen konnten, mussten wir aufwendig renovieren. Das ist immer ein gewisses Risiko. Wenn man einen Altbau saniert, fühlt man sich manchmal, als würde man in ein dunkles Loch springen“, erinnert sich Rüger. Ein Dreivierteljahr dauerte damals die Renovierung, in deren Verlauf das Gebäude zu altem Glanz gebracht wurde. Eine große Herausforderung für den neuen Eigentümer, der sich der Aufgabe mit viel Enthusiasmus gestellt hat, weil ihn das Anwesen sofort fasziniert hatte: „Ich bin historisch sehr interessiert, sonst hätte ich nicht zugegriffen. Das Gebäude ist sehr schön und hat eine interessante Geschichte. Als Pfleghof war es für die Verwaltung bestimmt. Insofern haben wir an die alte Bestimmung angeknüpft.“

Wenn Mandanten heute der Kanzlei einen Besuch abstatten, „sind sie häufig überrascht, was sich hinter der barocken Fassade verbirgt“, verrät der promovierte Patentanwalt Thomas Abel. Das barocke Treppenhaus ist eines der größten seiner Art im Land - und es macht mit seiner ausgeklügelten Konstruktion und seinen Dimensionen auf den Betrachter mächtig Eindruck. „Die Akustik ist so gut, dass wir dort sogar Klavierkonzerte veranstaltet haben“, verrät Rüger. Und die Büros haben zwar noch immer die historische Atmosphäre, sind jedoch modern eingerichtet und bieten alle Voraussetzungen, die eine international agierende Sozietät benötigt. „Was wir an Technik brauchen, haben wir behutsam eingebaut“, erklärt Rudolf Rüger. „Es ist durchaus möglich, in einem historischen Gebäude moderne Büros einzubauen und dabei dem Denkmalschutz gerecht zu werden. Wir wollten nichts verschlimmbessern - dazu liegt uns das Gebäude viel zu sehr am Herzen.“

Dass jedes der Büros anders ausfällt, macht den besonderen Reiz des Gebäudes aus. „Natürlich konzentriert man sich auf die Arbeit und achtet nicht ständig auf die bauhistorischen Reize des Gebäudes“, schmunzelt Thomas Abel. „Aber es ist schon etwas Besonderes, in Räumen mit solch einer außergewöhnlichen Atmosphäre zu arbeiten. Auch unsere Mitarbeiter wissen das sehr zu schätzen - nicht zuletzt wegen der zentralen Lage in der Esslinger Innenstadt.“ Und auch Rudolf Rüger bekennt: „Ich wollte nirgendwo anders arbeiten.“

Und weil ein solches Anwesen aus jeder Ritze Geschichte atmet, hat sich der Patentanwalt auch intensiv mit der Historie des Gebäudes beschäftigt: Zunächst war es ein Pfleghof, später eine Zeitlang Taubstummen-Anstalt, dann beherbergte es eine Klavierfabrik und schließlich eine Graphologische Anstalt, wie Rüger weiß. Besonders interessant sind auch die historischen Kellergewölbe, wo früher unter anderem Wein gelagert wurde - in einem der Gewölbe hatte die Württembergische Landesbühne ein Podium, woran heute nur noch die Bühne, eine einfache Heizung und eine provisorische Mini-Garderobe erinnern. „Das war allerdings noch vor unserer Zeit“, betont Rudolf Rüger.

Wie geschaffen für Antiquitäten

Genutzt wird der einstige Konstanzer Pfleghof nicht nur von der Kanzlei. Ein erster Blickfang für viele Passanten ist Jakob Müllers Antiquitätengalerie, die ausgesuchte Möbel, Einrichtungs- und Dekorationsobjekte aus der Zeit vom Barock über den Klassizismus bis zum Jugendstil im Ladenanbau mit seinen großzügigen Schaufenstern präsentiert. Müllers Antiquitätengalerie hat ihren Sitz seit vielen Jahren im einstigen Konstanzer Pfleghof - und der Firmeninhaber könnte sich keinen angemesseneren Standort wünschen: „Das Gebäude ist wie geschaffen für ein Geschäft wie dieses. Das historische Ambiente passt sehr schön zu unserem Angebot. Viele Passanten, die durch die Webergasse gehen, bleiben gerne stehen und lassen sich inspirieren.“ Und viele riskieren gerne auch einen Blick in den stimmungsvollen Durchgang, der zur Werkstatt von Schuhmacher Kiess führt, der seit Jahr und Tag in einem hinteren Teil des einstigen Pfleghof-Ensembles arbeitet.

Dass die Pfleghöfe in Esslingen noch heute das Bild der Stadt prägen, ist eine Besonderheit, die in der Franziskanerkirche mit der Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ gewürdigt wird. In einer Serie stellt die Eßlinger Zeitung Menschen vor, die heute in den Pfleghöfen leben und arbeiten - und natürlich erfahren die Leser auch etwas über die Geschichte der Häuser. Mit dieser Folge über den Konstanzer Pfleghof endet die Serie.

Artikel vom 31.12.2009 © Eßlinger Zeitung

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