Ein Haus mit drei Dächern
ESSLINGEN: Der ehemalige Pfleghof der Klöster Ursberg und Roggenburg wird heute als Wohnhaus genutzt
Ein bisschen eingeklemmt ist er schon, der ehemalige Pfleghof der Klöster Ursberg und Roggenburg in der Webergasse 20 in Esslingen.
Die Häuser in der unmittelbaren Nachbarschaft überragen das Gebäude gleich um mehrere Stockwerke. Dafür hat die Nummer 20
ein kleines Stück Stadtgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts zu bieten.
Die obligatorische Tafel neben, sowie der Reichsadler und die Jahreszahl 1606 über dem Hauseingang in der Webergasse 20 erinnern heute an die Zeit des ehemaligen Pfleghofs Ursberg und Roggenburg. Gerade einmal 61 Jahre waren die beiden Klöster im Besitz des Gebäudes, das bis heute vollständig erhalten ist. Die Fassade wurde bei einem Umbau im Jahr 1965 jedoch in ihrer Wirkung empfindlich beeinträchtigt, in dem der rundbogige Kellereingang mit einem darüber liegenden Renaissancefenster zugemauert wurde. Eine normale Eingangstür und ein einfaches, rechteckiges Fenster haben die Zeugnisse aus vergangenen Jahrhunderten ersetzt.
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Webergasse 20 ein gewöhnliches Wohnhaus. In den 50er-Jahren kaufte es die Familie Henrich, zusammenmit dem benachbarten Gebäude mit der Hausnummer 18. Vier Brüdern gehört es, einer davon, Günther, lebt heute in dem ehemaligen Pfleghof im Erdgeschoss. Sein Sohn Andreas hat hier seine Kindheit verbracht, jetzt lebt der 21-Jährige bereits seit Mitte der 90er-Jahre im Haus nebenan. „In diesem alten Gebäude konnte man sich früher richtig gut verstecken“, blickt er auf seine Kindheit in dem Haus Nummer 20 zurück.
Besonders der geräumige Gewölbekeller, der ebenfalls noch vollständig erhalten ist, bot viele Ecken und Nischen. Zur Klösterzeit haben hier die großen Weinfässer gelagert, heute dienen die Flächen nur noch als Abstellraum. In den muffigen, kalten Räumen mit den bogenförmigen Decken herrscht eine Atmosphäre, als stehe die Zeit still. Überall sind Spinnweben, alte abgebrochene Steine - und sogar eine Leiter gibt es noch, die an der hinteren Hauswand angebracht ist und über eine schmale Ausstiegsluke in den Garten führt. Auf der Vorderseite ist noch zu erahnen, wo früher die Fässer durch ein Loch in den Keller gerollt wurden.
Außer Günther Henrich lebt noch eine fünfköpfige griechische Familie in der Webergasse 20. Sie wohnt seit einigen Jahren zur Miete im oberen Stockwerk, das architektonisch einige Überraschungen bietet. Erst bei einem Blick aus dem Fenster des Nebengebäudes wird es deutlich: Drei verschiedene Dachhöhen hat das Gebäude. Im vorderen Teil hat es drei Etagen, im hinteren vier, und dazwischen befinden sich ein Flachdach und eine kleine Dachterrasse. „Innerhalb der Wohnung geht es von hinten nach vorn eine Treppe runter“, erklärt Andreas Henrich.
Abbruch des Obergeschosses
Aus den Archiven geht hervor, dass es bereits Ende des 16. Jahrhunderts zu einem Um- oder Neubau des Hauses in der Webergasse 20 gekommen sein muss. 1596 bemängelte die Stadt, dass an dem Bau das Dachwerk zu niedrig sei und nicht dem Esslinger Baurecht entspreche. Der Rat forderte daraufhin von den Eigentümern, dass auf das Haus noch ein Stockwerk aufgesetzt und der Giebel zur Straßenseite ausgerichtet werden soll. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dann das Obergeschoss abgebrochen und dem H aus ein neuer Giebel aufgesetzt. Rückwärtig wurde das Gebäude um das Jahr 1864 nochmals erhöht und diente erst als Fabrik, später dann als Quartier der Heilsarmee.
Wettermessanlage im Garten
Andreas Henrich hatte es schon als kleines Kind neben dem verwinkelten Haus besonders der große Garten angetan, der ebenfalls zur Pfleghofanlage gehörte und von einer Mauer umgeben ist. Der 21-Jährige ist angehender Meteorologe und besucht zurzeit, nach seiner Ausbildung zum technischen Assistenten für Agrar- und Umwelttechnik, die technische Oberschule in Stuttgart. „Das Wetter hat mich schon immer fasziniert“, erzählt Henrich.
Schon als kleiner Junge hat er bei Gewittern den Kopf zum Fenster rausgestreckt, um die Blitze besser sehen und den Donner lauter hören zu können. „Meine Eltern fanden das damals etwas komisch“, erzählt Henrich und lacht. Auf dem Rasen und dem Dach des alten Gartenhauses sind seine Hilfsmittel zu sehen, mit denen er das Wetter berechnet: Windmesser, Regentonne und eine elektronische Anlage für Temperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit im Haus.
Dass die Pfleghöfe in Esslingen noch heute das Bild der Stadt prägen, ist eine Besonderheit, die derzeit in der Franziskanerkirche mit der Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ gewürdigt wird. In einer Serie stellt die Eßlinger Zeitung Menschen vor, die heute in den Pfleghöfen leben und arbeiten - und natürlich erfahren die Leser auch etwas über die Geschichte der Häuser.


