Festessen an Martini
Esslingen (daw) - Dass die Repräsentanten des Domkapitels Speyer und die Vertreter der Stadt Esslingen bis ins 16. Jahrhundert gut miteinander auskamen, bezeugt ein „Verwaltungshandbuch“, das sich der Leiter des Stadtarchivs, Joachim Halbekann, genauer angeschaut hat. Darin fand er detaillierte Aufzeichnungen über ein mehrgängiges Festessen, zu dem jedes Jahr an Martini 68 städtische Repräsentanten in den Pfleghof eingeladen waren. Das Domkapitel war durch eine Schenkung Friedrich II. in Esslingen zu Besitz gekommen. Am 30. Dezember 1213, dem Tag, an dem der Leichnam seines Onkels Philipp von Schwaben in den Speyrer Dom überführt wurde, hatte der Staufer „dem dortigen Domkapitel das Patronatsrecht, den dazugehörigen Grundbesitz, den Zehnten sowie die sonstigen Einnahmen der in seinem Eigentum stehenden Esslinger Pfarrkirche“ geschenkt, „die damit privatrechtlich in den Besitz des Domkapitels überging“, schreibt der Archivleiter in dem Buch „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“. König Konradin befreite 1267 die beträchtlichen Esslinger Einkünfte des Domkapitels vom Umgeld. Neben den Esslinger Bürgern waren fast alle Köster und Pfleghöfe der Stadt gegenüber Speyer zinspflichtig.
Papst legt sein Veto ein
Bereits vor der Reformation verschlechterte sich aber das Verhältnis zwischen Domkapitel und Stadt, „da die Reichsstadt auch gegenüber dem Patronatsherren zunehmend aggressiv das Kirchenregiment einforderte“. Zudem wurde ab 1519 Weggeld verlangt und die Esslinger Bürger weigerten sich, durch die städtischen Behörden gedeckt, den Zehnten zu entrichten. Die Stadt versuchte, die gesamten Rechte zu unterminieren und „dem Domkapitel seinen Esslinger Besitz zu verleiden“ - und sie hatte Erfolg. Denn 1531 verließ der von Speyer entsandte Dominikaner Johannes Burchardi die Stadt und beendete damit die Präsenz der von Domkapitel eingesetzten Pfarrer in Esslingen. „Die Verhaftung eines Helfers auf dem Zehnthof am 22. Oktober 1531 und Eingriffe beim Bildersturm im Januar 1532 kulminierten in einer Art Besitzergreifung des Pfarrhofs im April 1532 und einer anschließenden Dauerschikane der Speyrer Repräsentanten“, hat Joachim Halbekann recherchiert.
Am Ende fügte sich das Domkapitel den seit langem von Esslingen angestrebten Verkaufsverhandlungen und willigte 1539 ein, seinen Besitz in der Reichsstadt für 32 000 Gulden zu verkaufen. Ein Veto des Papstes verhinderte aber das Geschäft, so dass am 29. September 1547 vereinbart wurde, dass die Stadt für 1500 Gulden jährlich „beide Zehnten, Kirchensatz sowie den Pfarr- und Zehnthof mit allen Kellern und Keltern“ pachten konnte. Die Eigentumsrechte des Speyrer Domkapitels bestanden weiter.
In Reims Erfahrungen gesammelt
Nachdem Esslingen württembergisch geworden war, wurde es wieder Sitz des Dekanats, und der Stadtpfarrer zog in den Pfleghof ein. Am 30. April 1829 kam dort der Pfarrerssohn Ferdinand Hochstetter zur Welt, der sich als Erforscher Neuseelands und erster Direktor des Naturhistorischen Museums in Wien einen Namen machen sollte. Im Jahr 1868 endete schließlich die geistliche Nutzung des Speyrer Pfleghofs. Die Stadt hatte ein Haus östlich des Neuen Rathauses gekauft und stellte dort Wohnraum für die Geistlichen zur Verfügung.
Bereits 1832 hatte der Fabrikant Georg Christian Kessler im Haus Rathausplatz 15 einen ersten Keller gekauft. Gemeinsam mit seinem Vertrauten Karl August Georgii hatte er am 1. Juli 1826 in der Kelter des ehemaligen Kaisheimer Pfleghofs die Sektproduktion begonnen, die sich sprunghaft entwickelte. Der 1787 geborene Kessler hatte fast 20 Jahre bei der Firma Veuve Clicquot-Ponsardin im französischen Reims gearbeitet - zuletzt als Teilhaber - und sich dort sein Wissen um die Champagnerherstellung erworben. Ein besonderes Geschick hatte er darin, den Sekt aus Esslingen in ganz Europa zu vermarkten. In Kesslers Todesjahr 1842 kaufte die nun von der Familie Weiss geführte Sektkellerei die ehemalige Zehntkelter. Nachdem die Esslinger Geistlichkeit ihr Domizil geräumt hatte, erwarb man die übrigen Gebäude des Pfleghofs.


