Wirte setzen auf Wein aus dem Bottwartal

ESSLINGEN: Ärger vor dem Zwiebelfest - Weingärtner denken über EST-Ausstieg nach - Drexler alarmiert OB

 

Weinprobe auf dem Zwiebelfest. Bisher standen dabei natürlich Esslinger Weine im Vordergrund. Und künftig?Archivfoto: Bulgrin
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Weinprobe auf dem Zwiebelfest. Bisher standen dabei natürlich Esslinger Weine im Vordergrund. Und künftig?Archivfoto: Bulgrin

 

Kaum ein Jahr, an dem das Esslinger Zwiebelfest nicht von Disharmonien begleitet wird. Diese Tradition wird auch diesmal gepflegt- zumal bei einem Traditionsfest: Die neun Wirte wollen zwischen dem 7. und 17. August überwiegend Weine aus Großbottwar ausschenken, weil von dort ein besseres Sponsoring-Angebot kam. Die Weingärtner sind darüber zutiefst empört, sogar von einem Ausstieg als Gesellschafter bei der EST ist die Rede.

Von Christian Dörmann

Für den Landtagsvizepräsidenten und SPD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Drexler ist der Fall klar: „Ohne den Ausschank von Esslinger Weinen würde sich der Charakter des Zwiebelfestes erheblich verändern.“ Es müsse verhindert werden, dass sich das Zwiebelfest durch den überwiegenden Ausschank von Weinen aus Großbottwar zu einem beliebigen und austauschbaren Gastro-Event entwickle. Dies teilt Drexler in einem Brief auch Oberbürgermeister Jürgen Zieger mit und bittet ihn „dringend“ darum, sich „vehement“ für die Sache des Esslinger Weins einzusetzen. Verträge, die Großbottwarer Weinen den klaren Vorzug geben, müssten möglichst zurückgenommen werden, fordert der Abgeordnete.

Für Frank Jehle, der in Esslingen den Palmschen Bau betreibt und Geschäftsführer der als GmbH organisierten Zwiebelfestwirte ist, wird die Sache zu hoch gehängt. Es werde selbstverständlich weiterhin Esslinger Wein ausgeschenkt und letztendlich entscheide ja der Gast. Allerdings steht die von den Wirten mit acht gegen eine Stimme beschlossene Richtlinie, wonach zwei Drittel der angebotenen Weine aus Großbottwar und nur ein Drittel aus Esslingen kommen soll.

Der Grund sind Sponsorengelder. „Wir hatten ein gutes Angebot der Bottwartaler, die Esslinger wollten da nicht mitziehen“, sagt Jehle und weist darauf hin, dass die Zwiebelfestwirte komplett privatwirtschaftlich organisiert sind und vor dem Problem stetig steigender Kosten stehen. „Wir müssen wirtschaftlich denken“, betont Jehle, aber letztlich sei ja jeder Wirt in seiner Entscheidung frei, die Richtlinie für sich auszulegen.

„Zu wenig Kundenpflege“

Doch scheinen Sponsorengelder nicht der einzige Anlass zu sein, weshalb die Wirte nun zu drastischen Maßnahmen greifen. Jehle kritisiert auch im Namen vieler seiner Kollegen, die Weingärtner betrieben zu wenig Kundenpflege. „Sie kümmern sich nicht um uns und wenn andere das besser machen, dann sollen die auch Erfolg haben“, meint Frank Jehle, spricht aber von einer „einmaligen Geschichte für dieses Jahr“. Die Entscheidung der Wirte wertet er überdies als das Bemühen, die Zukunft des Zwiebelfestes zu sichern.

Albrecht Sohn, Vorstand der Weingärtner, hält sich mit Äußerungen weitgehend zurück. „Es steht doch nur noch der Kommerz im Vordergrund“, bedauert er. „Unser Angebot ging den Wirten nicht weit genug, dabei sind wir aus unserer Sicht schon sehr weit gegangen.“ Vom vorliegenden Fall losgelöst, zahlen die Weingärtner als Gesellschafter alljährlich 5000 Euro in die Kasse der Esslinger Stadtmarketing und Tourismus GmbH (EST) ein und dieses Geld fließt laut Sohn „eigentlich direkt in die Gastronomie“. Ob dies auch künftig so sein wird und die Weingärtner als Gesellschafter bei der EST bleiben werden, stellt Sohn in Frage. Immerhin: Die Gastronomen waren ebenfalls EST-Gesellschafter, bevor sie ihren Ausstieg erklärt hatten.

Oberbürgermeister Jürgen Zieger kommentiert die Entscheidung der Wirte in einer ersten Reaktion als „falsches Signal“. Das Zwiebelfest sei identitätsstiftend - „wer da hingeht, erwartet natürlich Esslinger Wein“. Würden solche Erwartungen enttäuscht, dann wäre der Vorwurf schnell da, die Stadt und die EST bewiesen mangelndes Fingerspitzengefühl, auch wenn es sich um ein rein privatwirtschaftlich betriebenes Fest handele. Zieger ist jedenfalls nicht bereit, sich mit den neuen Gegebenheiten abzufinden

„Nicht die falsche Sau schlachten“

Für die Verärgerung der Weingärtner hat EST-Geschäftsführer Wolfram Schottler Verständnis. Aber: „Dafür kann man uns nicht bestrafen, da würde die falsche Sau geschlachtet.“ Zwar gab es in der Vergangenheit Bemühungen, die EST enger in das Zwiebelfest mit einzubinden, doch daraus ist nichts geworden. Und so besteht für Schottler keinerlei Zusammenhang zwischen Zwiebelfest und Stadtmarketing. Die Entscheidung der Wirte hält der EST-Chef für „rufschädigend und falsch“. Das Zwiebelfest sei ein Traditionsfest und wenn man nun überwiegend Weine von außerhalb Esslingens ausschenke, dann trenne man sich von einem wesentlichen Teil der Tradition.

Artikel vom 30.06.2009 © Eßlinger Zeitung

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Leser-Kommentare (3)

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30.06.2009 11:33 von Toni Kettel

Solange Esslinger Wein auf dem Zwiebelfest angeboten wird, solange finde ich es auch nicht schlimm, wenn andere Weinproduzenten ihre Produkte dort ebenfalls präsentieren. Unterm Strich entscheidet der Gast. Wenn das Esslinger Zwiebelfest allerdings mit "Wein aus dem Bottwartal" anstatt dem "Esslinger Wein" wirbt, z.B. auf Plakaten und Banner, dann wird es allerdings problematisch. Hier wäre es für die Festwirte wohl besser das Zwiebelfest ins Bottwartal zu verlegen oder auf Werbung für Wein im Zusammenhang mit dem Fest zu verzichten. Verlangt doch Eintritt anstatt Sponsoring zu betreiben! Gibt es eigentlich Kessler-Sekt und Mumm o.ä. auf dem Zwiebelfest ;-)

30.06.2009 08:54 von Katrin Kemmer-Nosch

Für uns ist das Zwiebelfest eigentlich untrennbar mit dem Esslinger Wein verbunden. Die Weine der Esslinger Weingärtner haben sich in den letzten Jahren qualitativ und geschmacklich deutlich verbessert. Trotzdem sollte es jedem Zwiebelfest-Wirt überlassen werden, ob welche und wieviel Weine er aus anderen Regionen anbietet. Wir als Zwiebelfest-Besucher sind auch sehr positiv überrascht zwischen den Esslinger Weinen auch gute Weine aus dem Rheinland, Italien o. ä. zu finden. Dass man grundsätzlich ein anderes Anbaugebiet als "Hauptlieferant" wählt finde ich nicht richtig! Wichtig ist uns dabei schon, dass die Preise nicht völlig überzogen sind, was seit Jahren beim Wein als auch bei den Gerichten ein ärgerliches Thema ist.

30.06.2009 08:40 von Andreas Hamm

Ein neuseeländischer Kiwi-Exporteur hat bekanntgegeben, dass er sich mit den Wirten des "Esslinger Zwiebelfests" geeinigt hat und als Großsponsor des privat betriebenen Traditionsfestes auftritt Entgegenkommend haben ihm die Wirte zu gesagt das Fest in "Esslinger Kiwifest" umzubennen und zwei Drittel Kiwikuchen und nur noch ein Drittel Zwiebelkuchen zu verkaufen. Das Angebot ortsansässiger Gemüsebauern konnte nicht akzeptiert werden, da ja auf die Zukunft des Festes Wert gelegt werden muss.

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